Auf nach Russland


Russland wird als Standort für wirtschaftliche Aktivitäten immer interessanter. Über Wege und Hindernisse, Chancen und Risiken informierten Kenner des Landes auf der Veranstaltung der IHK Nord Westfalen „Partner Russland - wie erobere ich den russischen Markt?".

Den russischen Markt bereits erfolgreich erobert hat Karl-Heinz Knoop, Unternehmer aus Riesenbeck. Die in seinem Unternehmen Riela gefertigten Maschinen und Anlagen zur Lagerung und Aufbereitung von Getreide werden seit Jahren auch an russische Kunden geliefert. Im vergangenen Jahr hat Knoop, der Russland als „angenehmes Land mit riesigem Potenzial" bezeichnet, in der Stadt Nishny Novgorod eine Niederlassung gegründet. Von dort aus kümmern sich seine russischen Mitarbeiter um das Geschäft und den Service vor Ort.

Ähnlich wie Knoop nehmen immer mehr ausländische Unternehmer Russland als attraktiven Standort wahr. Beleg hierfür sind die seit Jahren konstant hohen Zuwächse bei den gesamten Auslandsinvestitionen, die bis 2005 auf etwa 53 Milliarden US Dollar anwuchsen. Die deutsche Wirtschaft trägt zu dieser rasanten Entwicklung einen guten Teil bei und belegt in der Rangfolge der Investoren vordere Plätze. Aus russischer Sicht ist Deutschland beim Handel sogar der wichtigste Partner. Für die Attraktivität des russischen Marktes ist eine ganze Reihe von Faktoren wichtig. Von grundlegender Bedeutung scheint aber das anhaltend hohe Wirtschaftswachstum Russlands zu sein. Auf dieses jedenfalls wiesen Jörg Hetsch (Delegation der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation), Roland Schmid (KPMG) und Karl-Heinz Rothe (HypoVereinsbank) in ihren Vorträgen ausdrücklich hin. Im Zuge des Wirtschaftswachstums, so erläuterte Hetsch, steige nicht nur die Nachfrage nach Investitionsgütern, sondern auch die Kaufkraft der Bevölkerung. Dies sei für deutsche Unternehmen eine gute Chance für einen Eintritt in den russischen Markt, vor allem deshalb, weil die wachsende Nachfrage derzeit noch nicht von der heimischen Wirtschaft befriedigt werden könne. Aber auch die sonstigen Rahmenbedingungen haben sich nach den Ausführungen der Referenten in den letzten Jahren deutlich verbessert. Fortschreitende Wirtschaftsreformen, die Liberalisierung der Devisengesetze sowie ein neuer Zollkodex erleichterten ausländischen Unternehmen heute den Markteintritt, günstige Steuersätze mach- ten Investitionen interessant und die unter Putin realisierte politische Stabilität verheiße Sicherheit.

Trotz dieser Chancen ist „Russland beileibe kein Investorenparadies", wie Jörg Hetsch, der Russland seit vielen Jahren aus eigenen Erfahrungen kennt, unmissverständlich betonte. Nach Ansicht aller Referenten müssten sich ausländische Unternehmen auch über die möglichen Risiken im Klaren sein. Hierzu zählten nach wie vor Behördenwillkür und Korruption, aber auch eine schwerfällige und nicht immer eindeutige Gesetzgebung sowie ineffiziente Verwaltungsstrukturen. Karl-Heinz Rothe machte außerdem deutlich, dass Russland immer noch eklatante politische und gesellschaftliche Probleme zu lösen habe. Die politische Stabilität des Landes dürfte zudem durch das 2008 anstehende Ende der Amtszeit Putins auf die Probe gestellt werden, sind sich die Experten einig.

Interesse an Land und Leuten

In einem ersten Schritt sollten, so empfahl Jörg Hetsch, geeignete Vertriebspartner gesucht und identifiziert werden. Hilfreich könne hierbei der Kontakt zu den verschiedenen Interessenvertretungen der deutschen Wirtschaft in Russland sein, die über entsprechende Daten verfügen. Sinnvoll sei auch die Präsenz auf russischen Messen, wie etwa der Agrarmesse ,,Goldener Herbst" in Moskau, empfiehlt Unternehmer Knoop. Hier könnten erste persönliche Kontakte geknüpft werden, was nach den Erfahrungen aller Referenten für nachhaltige Geschäftsbeziehungen in Russland unbedingt notwendig sei.

Im zweiten Schritt könne mit dem Aufbau eigener Vertriebsstrukturen vor Ort begonnen werden, um auf diese Weise neue Vertriebswege zu etablieren. Grundsätzlich stehen hierfür verschiedene Rechtsformen zur Wahl, mit denen unterschiedliche Rechte und Pflichten verbunden sind. Ebenso wichtig wie die Wahl der für die eigenen Ziele günstigsten Rechtsform ist die Wahl des Standortes - es muss nicht unbedingt das teure Moskau sein.

Der dritte Schritt könne schließlich die Errichtung einer eigenen Produktion in Russland sein. Eventuelle Strafzölle könnten auf diese Weise umgangen werden, weshalb Knopp plant, seine Maschinen und Anlagen für Russland zum großen Teil vor Ort fertigen zu lassen.

Für jedes erfolgreiche unternehmerische Engagement scheint letztlich entscheidend zu sein, und das war den Referenten deutlich anzumerken, dass neben dem Interesse für die eigenen Geschäfte auch ein Interesse an Land und Leuten besteht. Ist dieses vorhanden, könne sich die Eroberung des russischen Marktes nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ganz persönlich lohnen.


erschienen in: Wirtschaftsspiegel v. 01.2007


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